Was kostet Strom wirklich?
„Zu teuer“ ist das häufigste Gegenargument. Diese Seite beantwortet es mit Zahlen statt mit Haltung, und zeigt vor allem, dass „Kosten“ nicht gleich „Kosten“ ist: es gibt vier Ebenen, die ständig durcheinandergeworfen werden.
„Windstrom ist billig“ und „Strompreise sind hoch“ können gleichzeitig wahr sein, weil es zwei verschiedene Kostenebenen sind. Wer das einmal verstanden hat, liest jede Energiedebatte anders.
Ebene 1
Stromgestehungskosten (LCOE)
Die LCOE sagen, was es kostet, eine Kilowattstunde in einer neu gebauten Anlage zu erzeugen, über deren ganze Lebensdauer. Photovoltaik-Freiflächen und Wind onshore sind hier nicht nur die günstigsten Erneuerbaren, sondern die günstigsten Kraftwerke überhaupt.
Was LCOE nicht enthält
LCOE messen nur die Erzeugung an der Anlage. Nicht enthalten sind Netzausbau, Reserve- und Backup-Kapazität, Speicher und die Kosten der Systemintegration. Und sie gelten für Neuanlagen, ein abgeschriebenes Bestandskraftwerk rechnet sich anders. LCOE sind deshalb kein Strompreis und keine „Gesamtkosten“.
Die Spannen entstehen durch Volllaststunden (Standort/Wetter), Investitionskosten und den CO₂-Preis. Er treibt vor allem Kohle und Gas ans obere Ende; bei Wasserstoff-Kraftwerken zusätzlich die Wasserstoffbeschaffung.
Bandbreiten: Fraunhofer ISE, „Stromgestehungskosten Erneuerbare Energien“, Juli 2024 (Bezugsjahr 2024). Zahlen zitiert, kein offener Datensatz.
Ebene 2
Systemkosten: und die Kontroverse
Ein Stromsystem braucht mehr als Erzeugung: Netzausbau, Reserve, Speicher und Flexibilität. Diese Systemkosten fehlen in den LCOE, und genau darum wird gestritten, wie hoch sie sind und wem man sie zurechnet.
Die Kritik an der ISE-Studie
Kritiker halten die Systemkosten der Erneuerbaren für unterschätzt: Der Vergleich rechne die Kosten von Netz, Reserve und Speichern nicht ausreichend zu (Vorwurf u. a. Anfang 2026), und einzelne Annahmen, etwa Volllaststunden und Kapitalkosten, seien zugunsten der Erneuerbaren gewählt. Auch die Reproduzierbarkeit einzelner Ergebnisse wird bemängelt.
Die Gegenposition
Dem steht entgegen: Systemkosten fallen auch bei konventionellen Kraftwerken an (Brennstofflogistik, Reserve, CO₂-Infrastruktur), und ein steigender CO₂-Preis treibt die fossilen LCOE ohnehin weiter nach oben. Die Studie weist ihre Annahmen offen aus und rechnet mit Bandbreiten, nicht mit Punktwerten.
Wichtig ist die Trennung: Rechenweg und Definition von Systemkosten sind Fakt; ihre volkswirtschaftliche Bewertung ist eine offene Debatte, keine Seite bekommt hier die bevorzugte Antwort.
Ebene 3
Was Verbraucher zahlen
Der Preis auf der Stromrechnung ist etwas anderes als die Erzeugungskosten. Er setzt sich aus mehreren Teilen zusammen:
- Börsenpreis, was der Strom im Großhandel kostet (schwankt stündlich; günstige Erneuerbare drücken ihn im Mittel).
- Netzentgelte, für Transport und Verteilung, regional unterschiedlich.
- Steuern, Abgaben, Umlagen, Strom- und Mehrwertsteuer sowie diverse Umlagen.
Deshalb bedeutet günstige Erzeugung nicht automatisch eine günstige Rechnung: Der Börsenpreis ist oft nur ein Viertel bis ein Drittel des Endkundenpreises, der Rest sind Netze, Steuern und Abgaben.
Ebene 4
Externe Kosten: was die Allgemeinheit trägt
Manche Kosten stehen auf keiner Rechnung: Umwelt- und Gesundheitsschäden durch Emissionen. Das Umweltbundesamt beziffert sie in seiner Methodenkonvention mit Kostensätzen, etwa rund 200 €/t CO₂ für Klimaschäden, dazu Sätze für Luftschadstoffe. Fossile Erzeugung trägt hier die mit Abstand höchsten externen Kosten.
Es sind dieselben Schadstoffe, die im Luftqualitäts-Baustein gemessen werden (NO₂, Feinstaub): dort als lokale Gesundheitsbelastung, hier als volkswirtschaftliche Kosten, kumulativ und statistisch, ohne Einzelfall-Kausalschluss.
Vier Ebenen, nie vermischt: LCOE, Systemkosten, Verbraucherpreise und externe Kosten sind methodisch nicht addierbar. Eine einzelne „Gesamtkostenzahl“ gibt es hier bewusst nicht. Sie würde mehr verschleiern als erklären.
Quellen: Fraunhofer ISE, Stromgestehungskosten Erneuerbare Energien (Juli 2024, Bezugsjahr 2024); Umweltbundesamt, Methodenkonvention zur Ermittlung von Umweltkosten (Kostensätze); Preisbestandteile via Energy-Charts (Fraunhofer ISE). Systemkosten-Ebene qualitativ dargestellt. Zahlen zitiert mit Quellenangabe, kein selbst geschätzter Wert (ADR 0114).